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Der erste Jahrestag

Das ist schon ein beson­de­rer Tag heu­te. Zum einen, weil mir vie­le gesagt haben das sie ihn als nichts beson­de­res erlebt haben, zum ande­ren wur­de mir ver­si­chert, das danach alles leich­ter wur­de, wäh­rend wie­der­um ande­re mir erzähl­ten er sei sehr trau­rig und emo­tio­nal gewe­sen, und danach sei eigent­lich alles noch viel schlim­mer gewor­den.

Ges­tern bist Du noch­mal rich­tig wach gewor­den. Dein Bewusst­sein ist unter dem Schlei­er der Dro­gen und des ver­gif­te­ten Kör­pers her­vor gekro­chen und hat mich ein letz­tes mal aus dei­nen Augen ange­strahlt. Du warst zu schwach zum Reden, oder den Arm zu bewe­gen. Den­noch hast Du noch ver­sucht vor­mit­tags etwas zu sagen. Ich wer­de nie­mals die­se letz­ten Abend­stun­den ver­ges­sen, dei­ne letz­ten Atem­zü­ge. Du hast um jeden gekämpft, und als Du letzt­lich um 20:58 Uhr für immer dei­ne Augen geschlos­sen hast, hat der Him­mel geweint. Wir wer­den zu die­ser Stun­de heu­te Abend bei dir sein.

Für mich ist es aber auch ein Tag zum fei­ern. Ich habe nach einer hef­ti­gen Ach­ter­bahn­fahrt im letz­ten Jahr, bis heu­te viel erreicht. Unser Leben hat sich total ver­än­dert. Es gibt neue, ande­re Lebens­zie­le, ich habe vie­le neue Men­schen ken­nen und schät­zen gelernt. Ich habe mei­nen Weg gefun­den die Trau­er als Teil mei­nes Lebens zu akzep­tie­ren, sie zu inte­grie­ren, und dem gan­zen Elend auch posi­ti­ves abzu­ge­win­nen. Ich den­ke, das Du stolz auf mich wärst, auch wenn noch nicht alles Rund ist. Der Jah­res­tag ist ein Tag, den ich nie­mals in mei­nem Leben ver­ges­sen wer­de. Du fehlst uns sehr.

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Autor: Carsten Nichte

Hi. Ich bin Softwareentwickler, Kampfkunstlehrer, Fotograf, manchmal Autor und Betreiber dieses Blog. Hier dreht sich alles um Fotografie, Schreiben, die Kampfkunst WingTsun und den Rest meines Lebens. Ich wünsche dir viel Spaß, und auch besinnliche Momente auf meiner Webseite, und freue mich über jede Rückmeldung.

1 Kommentar

  1. Schön, dass ich den „ers­ten Jah­res­tag“ hier gefun­den habe. Schön, wie Sie von Ihrer Frau schrei­ben, wie Sie Ihre Gedan­ken zu „Papier“ brin­gen. Das macht mir Mut.

    Mei­ne Frau ist ganz plötz­lich gestor­ben, am 18. Sep­tem­ber 2016. Es war ein Sonn­tag, ein schö­ner Spät­som­mer­tag. Mei­ne Frau war in die­sem Jahr schon 5 x im Kran­ken­haus, aber nun, so haben wir gedacht, geht es auf­wärts. Vor acht Jah­ren hat­te sie eine extrem schwe­ren Vor­der­wand­in­farkt über­lebt, danach leis­te­te ihr Herz nur noch 28 %. Aber mei­ne Frau leb­te.

    Es fing im März an, sie bekam immer schlech­ter Luft, also muss­te mei­ne Frau ins Kran­ken­haus. Danach setz­te die Nie­re aus, wie­der ins Kran­ken­haus, bis die Nie­re wie­der arbei­te­te. Im Juni war sie beim Kochen, als der implan­tier­te Defi­bril­la­tor plötz­lich so stark anschlug, dass mei­ner Frau das Küchen­mes­ser aus die Hand fiel. Wie­der ins Kran­ken­haus, ein neu­er Defi­bril­la­tor muss­te implan­tiert wer­den, die Bat­te­rie war leer. Danach war sie drei Tage Zuhau­se, dann ging es ihr wie­der schlecht. Wie­der ins Kran­ken­haus, man über­leg­te, am Her­zen Ver­ödun­gen vor­zu­neh­men, um ein Herz­kam­mer­flim­mern vor­zu­beu­gen. Da das Herz aber sehr krank war, unter­ließ man die O.P. Mei­ne Frau kam wie­der heim. Dann setz­te die Nie­re wie­der aus, wie­der ins Kran­ken­haus, ein Zugang wur­de implan­tiert, damit sie an das Dia­ly­se­ge­rät ange­schlos­sen wer­den konn­te. Nach­dem 20 Liter Was­ser aus dem Kör­per gezo­gen wur­de, ging es mei­ner Frau bes­ser. Sie mach­te wie­der Plä­ne für das nächs­te Jahr, dach­te an eine Rei­se mit einem Wohn­mo­bil.

    Frei­tags besuch­te ich sie im Dia­ly­se­zen­trum, wor­über sie sich sehr gefreut hat. Sams­tags berei­te­te ich zum Abend­essen Mais­kol­ben zu, die wir sehr ger­ne aßen. Sonn­tag­mor­gen um 07.30 Uhr mein­te sie, schon lan­ge nicht mehr so gut geschla­fen zu haben. Um 08.30 Uhr etwa bekam sie Luft­not, sie fror, zit­ter­te und ich hielt ihre Hand. Schließ­lich rief ich den Not­arzt. Dann wur­de mei­ne Frau bewusst­los, aber die Sani­tä­ter konn­ten sie reani­mie­ren. Mei­ne Frau sah mich an und bat dar­um, dass ich ihr hel­fen möge. Dann kam sie in den Kran­ken­wa­gen, dort leg­te man mei­ne Frau ins künst­li­che Koma. Ein Sani­tä­ter kam aus den Kran­ken­wa­gen und mein­te, um Herz und Lun­ge wür­de es nicht gut ste­hen. Im Kran­ken­haus gelang es den Ärz­ten zunächst nicht, das Kam­mer­flim­mern zu been­den. Nach etwa drei Stun­den haben sie es aber geschafft. Ich habe mei­ne Frau um 15 Uhr besucht, sie lag im künst­li­chen Koma. Nach einer Vier­tel­stun­de bin ich erschöpft heim­ge­fah­ren. Ich woll­te mich nur kurz aus­ru­hen, um am Abend wie­der bei mei­ner Frau am Bett sit­zen zu kön­nen. Um 17 Uhr rief mich die Inten­siv­sta­ti­on an — mei­ne Frau sei soeben ein­ge­schla­fen.

    Sie­ben Wochen sind seit­her ver­gan­gen. Ich kann es immer noch nicht begrei­fen, dass mei­ne Frau fort ist. Wir konn­ten uns nicht ver­ab­schie­den, damit haben wir bei­de nicht gerech­net. Jetzt bin ich allein in der Woh­nung. Freun­de, Fami­lie, Bekann­te gibt es nicht. Nur der Schmerz ist täg­lich bei mir, der Schmerz, der mir die Brust rauf­kriecht, mir das Herz zusam­men­drückt und die Keh­le zuschnürt.

    Dan­ke Herr Nich­te, für Ihren schö­nen Bericht, der mich hof­fen lässt, das es bes­ser wird, dass die größ­te Schmerz auch ein­mal vor­über­geht.

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