Ein Portrait der etwas anderen Art habe ich in den letzten Tagen erstellt. Während bei der Kamera alles eine Sache weniger Augenblicke ist, und sich die Konzentration im Sucher auf ein zweidimensionales Abbild fokussiert, bekommen beim modellieren einer Plastik ganz andere Aspekte Gewicht. Alleine drei Tage hat das erstellen des Kopfes aus Ton anhand eines lebenden Modells gedauert.

Das Modell sitzt dabei zwischen den Teilnehmern auf einem Stuhl, der sich wiederum auf einem großen Drehteller befindet.
So wird das Modell von Zeit zu Zeit in eine neue Position gedreht. Modelliert wird auf einem so genannten Modelliereisen, das auf einem drehbaren, und höhenverstellbaren Stativ steht. Schon die Auswahl des Eisens ist wichtig für das Aussehen der späteren Plastik. Die Größe des Sockels, und die Form des Eisens will deshalb genau bedacht sein. An dem Eisen werden mit Draht zunächst vier kleine Holzkreuze montiert, die schon mal grob die Grenzen und die Form des Kopfes bilden. Sie werden später in die Plastik eingearbeitet, sofern sie nicht stören. Dann greift man sich den ersten Klumpen Ton, ketet ihn bedächtig mit den Händen, betrachtet dabei das Model, und versucht die Form des Kopfes zu erfassen. Es gilt genau hinzuschauen. Schließlich beginnt man unter häufigem drehen des Sockels den Ton von innen nach außen aufzutragen. Dabei wird zunächst sehr grob vorgegangen, aber das Model trotzdem immer im Blick behalten, damit sich letztlich die Grundstruktur des Kopfes herausbildet.
Immer wieder muss man zurücktreten um die Linien zu vergleichen, und auch mal Pause machen um einfach Abstand zu gewinnen. Die Möglichkeiten etwas zu verschlimmbessern sind unbegrenzt. Es ist eine Kunst, den richtigen Moment zu erkennen wann ein bestimmter Aspekt herausgearbeitet und „fertig“ ist.

Am ersten Tag wird lediglich die Grobform fertig. Tag zwei bringt viel Detailarbeit. Die passigen Formen, Proportionen und Positionen wollen gefunden werden, Lippen, Kinn, Unterkiefer, Stirn, Augenbrauen, Ohren. Die Sicht auf die Diagonalen bringt neue Perspektiven, und erschließen Wangenknochen und Augenpartie. Am dritten Tag beschäftige ich mich nochmals mit den Ohren, die Haare entstehen, und zuletzt wage ich mich an die Augen. Das Gesamtwerk bekommt ne Menge Feinschliff. Alles will zu einem harmonischen ganzen verbunden werden. Mit dem Sockel bin ich nicht zufrieden, und so modelliere gegen Abend noch flott einen kompletten Schulterbereich, den ich aber wieder recht großzügig einreiße. Was bleibt, ist das sich die Linien der Kopfform im Sockel widerspiegeln.
Es gibt viele Möglichkeiten den Ton zu modellieren: Drücken und verschmieren mit dem Finger, oder Auftragen von Platten und Würsten aus Ton, die dann geschickt mit dem Rest verbunden werden. Alternativ man trägt flächig mehr auf, und arbeitet die Form dann heraus. Wichtig ist, das sich Flächen und Kurven finden (und zu einem harmonischen ganzen verbinden). Es ist immer einfacher neues Material aufzutragen, als sich zu überwinden auch mal großflächige Material wegzuschneiden oder abzuschaben. Wichtig ist, nicht die Grundform zu verlieren. Zwischendurch wird immer mal wieder gemessen: Der Abstand Augen Nase Kinn, Kopfende oder auch die Linie von Kinnspitze zur Nasenspitze, und zur Stirn. Es ist wichtig das diese Proportionen stimmen. Das Gefühl trügt einen von Zeit zu Zeit. So verändert sich die Skulptur immer wieder, bis man das Gefühl hat (oder einfach entscheidet) fertig zu sein.
Modellieren mit Tanja Lehmann (PDF-Fotobuch, einsehbar auf scribd.com)
fotografisch begleitet von Carsten Nichte im April 2011.