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Für dich geh ich bin ans Ende die­ser Welt, und wei­ter. Die Welt ist so schreck­lich kalt und leer ohne dich…

Aufgenommen irgendwo am Nordkap 1988

Auf­ge­nom­men irgend­wo am Nord­kap 1988

Auch ver­öf­fent­licht unter: 15 Tage — Clau­di­as Darm­krebs Tage­buch

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Schreibzwang

Ich gehe ganz offen­siv mit mei­ner Trau­er um — genau­so wie wir mit der Krank­heit umge­gan­gen sind. Ich hab mir alles von der See­le geschrie­ben, und tue es noch. Ich will mich erin­nern.

Kurz nach dem Tod mei­ner Frau Clau­dia am 21. August 2007 war mein Hirn wie leer gefegt. Dann hab ich mich direkt hin­ge­setzt und geschrie­ben. Eine Erin­ne­rung nach der ande­ren tage­lang, wochen­lang, mona­te­lang. Mitt­ler­wei­le bin ich beru­higt, das ich doch noch Erin­ne­run­gen habe. Es ist schön die­se Nach­zu­le­sen, weil ich sie fest­ge­hal­ten habe.

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Ich habe die­ses öffent­li­ches Web­log auf­ge­setzt, in dem ich über mei­ne Trau­er schrei­be, habe 130 der schöns­ten Fotos von mei­ner Clau­dia gesam­melt und ver­öf­fent­licht. Mich ver­las­sen immer wie­der mei­ne Kräf­te. Mein Lebens­wil­le schwin­det. Ich sehe kei­nen Sinn mehr in allem. Dann schrei­be ich, das bringt Klar­heit in mei­ne Gefüh­le. Und am nächs­ten Tag geht es wie­der bes­ser. Schrei­ben, das bewah­ren von Erin­ne­run­gen, ist zum Groß­teil mein Lebens­in­halt gewor­den.

Schrei­ben ist ein­fach wun­der­voll. Etwas Ver­gan­ge­nes fest­zu­hal­ten — wo ich doch mei­ne gro­ße Lie­be nicht hal­ten konn­te. Trotz­dem ist es kein All­heil­mit­tel. Es ver­schafft mir Lin­de­rung zu bestimm­ten Zei­ten. Die wahn­sin­ni­ge Lee­re, das Gefühl auf die­sem Pla­ne­ten als Ali­en her­um­zu­wan­dern, die Schlaf­lo­sig­keit, das bleibt. Ich den­ke, das man da ein­fach durch muss, egal wie lan­ge es dau­ert. Es gibt kei­ne Abkür­zung.

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Steine im Bauch

Gera­de waren wir an der Saa­ler Müh­le, direkt nach dem wir Dich am Grab besucht hat­ten. Es ist ein super mil­der, war­mer, son­ni­ger Herbst­tag wie Du ihn auch geliebt hast. Als wir um den Teich schlen­der­ten kamen mir mit jedem Schritt mehr Stei­ne in den Bauch. End­lo­se Erin­ne­run­gen. Wie wir frü­her in den 80ern gemein­sam um den See gejoggt sind. Ich kann uns förm­lich sehen, wie wir auf hal­ber Stre­cke eine Geh­pau­se ein­le­gen, da wo jetzt das Klet­ter­ge­rüst steht, und an der Brü­cke, wo der Ablauf in einen Bach ist wie­der star­ten. Das Klet­ter­ge­rüst, an dem Max heu­te bis ganz nach oben geklet­tert ist, wo er frü­her doch Angst hat­te auch nur einen Fuß vom Boden zu heben. Bei jedem Schritt sehe ich glück­li­che Paa­re mit und ohne Kin­der. Es schnürt mir immer wei­ter die Luft ab – wie oft haben wir hier gestan­den und die Kin­der beim klet­tern beob­ach­tet. Als wir dann fast um den See her­um gelau­fen sind und auf den Kin­der­spiel­platz tref­fen ist es ganz vor­bei. Wie oft haben wir da in der Son­ne geses­sen und den Kin­dern beim spie­len zuge­schaut oder mit­ge­spielt. Dabei über alles mög­li­che gere­det, abge­läs­tert, oder Eis geschleckt. In jeder Frau, die da geht, steht, oder sitzt sehe ich Dich. In jedem Pär­chen uns. Als wir den See in Rich­tung Park­platz ver­las­sen stell ich mir vor ein­fach auf der Stra­ße ste­hen zu blei­ben, und mich vom nächs­ten Auto das um die Kur­ve kommt über­rol­len zu las­sen. Ein flüch­ti­ger, ver­lo­cken­der Gedan­ke, den­noch gehe ich wei­ter. Im Auto kom­men mir die Trä­nen. Ich will das ein­fach nicht mehr aus­hal­ten.

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Leere und Einsamkeit

Der Herbst ist eigent­lich mei­ne Zeit. Ich lie­be die son­ni­gen mil­den Herbst­ta­ge beson­ders. Gera­de heu­te wo der Him­mel blau ist und die Son­ne scheint. Trotz­dem, oder gera­de des­we­gen bin ich heu­te ziem­lich trau­rig. Heu­te hät­ten wir etwas gemein­sam unter­nom­men. Jetzt wer­den wir auf den Fried­hof fah­ren, Clau­dia qua­si abho­len, und dann an den See fah­ren, um eine Run­de zu lau­fen. Ich wer­de das Gefühl der Lee­re und Ein­sam­keit ein­fach nicht los. Da kann das Leben um mich rum­to­ben wie es will. Selbst wenn ich lache, reg­net es in mir drin. Ich will wie­der leben. Ich habe zwei­ein­halb Jah­re mit Clau­dia die Krank­heit durch­lebt, und bin mit ihr gestor­ben. Ich will das Leben wie­der­fin­den, oder will das es mich fin­det. Ist aber schwer. Viel­leicht ver­lan­ge ich auch ein­fach zu viel.

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Herbstmorgen

Heu­te habe ich Dich wie­der besucht. Direkt nach dem Markt. Es ist ziem­lich frisch heu­te mor­gen. Aber es ver­spricht ein schö­ner Son­nen­tag zu wer­den. Der Wind rauscht durch die Bäu­me. Dein Grab ist schon etwas mit Laub bedeckt. Ich wer­de dich dem­nächst noch mit etwas Rin­den­mulch bede­cken. Und wenn es schneit, dann bekommst Du eine Decke aus fri­schen Tan­nen­zwei­gen. Wenn ich mich neben Dich knie, und mei­ne Hand auf den Grab­hü­gel lege, wer­de ich ganz ruhig, und mir kom­men die Trä­nen — ein­fach so. Ich kann Dich da unten erfüh­len. Ich ver­mis­se Dich so sehr. Ich bin so schreck­lich allei­ne und ein­sam unter all den Men­schen. Ich wün­sche mir nichts sehn­li­cher, als das sich das ändert.

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